Von Rainer Mausfeld etwas über das "Warum" lernen: Wie Elitendemokratie und Neoliberalismus unsere Gesellschaft und unsere Lebensgrundlagen zerstören – wie überwinden wir illegitime Macht? Wie kommen wir aus der Vereinzelung heraus?

die komplette Serie https://www.actvism.org/politics/actvism-videoserie-mit-rainer-mausfeld/?fbclid=IwAR29mYu3ADwj3rHIz9qidcb_bN7mxQJG7UPgelctz6PruKlGuh5G5pu5HBw

Rainer Mausfeld (* 22. Dezember 1949 in Iserlohn) ist ein 2016 emeritierter deutscher Professor für Allgemeine Psychologie an der Universität Kiel. Seine wissenschaftlichen Schwerpunkte sind WahrnehmungspsychologieKognitionswissenschaft und Geschichte der Psychologie. Seine seit 2015 veröffentlichte Kritik an der repräsentativen Demokratie und an den Funktionen der Massenmedien wird in den Medien kontrovers beurteilt.

Inhaltsverzeichnis

Ausbildung und akademische Laufbahn

Mausfeld studierte von 1969 bis 1979 Psychologie, Mathematik und Philosophie an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn und Mathematische Psychologie an der Universität Nijmegen. Anschließend war er bis 1981 Referent am Institut für Test- und Begabungsforschung der Studienstiftung des deutschen Volkes in Bonn.

1984 promovierte Mausfeld an der Universität Bonn zur Fechner-Skalierung. Im Mittelpunkt der Arbeit stehen die Prinzipien der Konstruktion psychophysikalischer Diskriminationsskalen.

1987 war er Visiting Research Professor in Irvine an der University of California.

1990 wurde Mausfeld in Bonn mit Forschungsarbeiten vor allem zur Wahrnehmungspsychologie habilitiert und nahm 1992 eine Professur für Allgemeine Psychologie an der Universität Mannheim an.

1993 wechselte er an die Universität Kiel.[1]

Mitgliedschaften und Funktionen

Mausfeld leitete das DFG-Projekt Farbkonstanz und war 1995 bis 1996 Leiter einer internationalen Forschungsgruppe am Zentrum für Interdisziplinäre Forschung (ZiF) in Bielefeld.

Seit 2004 ist Mausfeld Mitglied der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina in ihrer Sektion Psychologie und Kognitionswissenschaft.[2]

Schwerpunkte der Forschungsarbeit

Ein Schwerpunkt der universitären Arbeit Mausfelds ist seit seiner Dissertation die Wahrnehmungspsychologie.[3] Dabei steht besonders die Farbwahrnehmung im Vordergrund seiner Untersuchungen.[4][5] Mausfeld analysierte im Zusammenhang mit seinen Forschungen auch die theoretischen Grundlagen der experimentellen und der verstehenden Psychologie.[6] Das Thema der Psychophysik Fechners und der Fechnerschen Skalierungen bildet dafür den Ausgangspunkt.[7][8]

Mausfelds weitere wissenschaftlichen Arbeitsschwerpunkte sind nach Angaben bei der Leopoldina „… Konzeptformen des Wahrnehmungssystems, auf deren Grundlage physikalische Inputs Bedeutungskategorien aktivieren können, architekturale Grundlagen der Befähigung zur gleichzeitigen Einnahme multipler mentaler Perspektiven, Struktur und computationale Prinzipien interner Kausalanalysen, durch die sich u. a. innenverursachte mentale Aktivitäten von außenverursachten trennen lassen.“[9]

Als weiteres Gebiet nennt Mausfeld die Ideengeschichte der Naturwissenschaften, besonders des 17. Jahrhunderts; dabei steht die Geschichte der Wahrnehmungspsychologie im Vordergrund.[9]

Er befasste sich mit der Rivalität von Kognitionspsychologie und kognitiven Neurowissenschaften in der Kognitionswissenschaft: Ein Hauptproblem des Verhältnisses von Psychologie und Biologie sieht er im neurologischen Neo-Reduktionismus.[10] Die Besonderheit des Geistigen sieht er im Gegensatz zu biologistischen Ansätzen unter anderem in der intrinsischen Multiperspektivität des Geistes.[11]

Seit 2009 publiziert Mausfeld zudem zu ethischen und politischen Aspekten der Psychologie, etwa bei ihrer Beteiligung an der Erforschung und Entwicklung der Methodik der Weißen Folter.[12][13]

Seit 2015 hält Mausfeld Vorträge und publiziert Aufsätze und Monografien zu politischer Propaganda und Manipulation sowie zur Analyse und Kritik der repräsentativen Demokratie.

Farbwahrnehmung

Laut Mausfeld bildet die Psyche physikalische Daten der Farbwahrnehmung nicht bloß ab. Er kritisiert eine atomistische Auffassung der Wahrnehmungspsychologie, die Wahrnehmungen aus dem Zusammenwirken einfacher Faktoren erklärt („Messinstrumentkonzeption der Wahrnehmung“). Entscheidend für die Farbwahrnehmung sei vielmehr der Gesamtzusammenhang der visuellen Wahrnehmung. Die Sinnesempfindung (sensation) ist nach Darstellung Mausfelds immer auch Wahrnehmung im Sinne von Perzeption. Die Sinne seien Werkzeuge des Geistes.[14] Ein Beispiel für den Einfluss des Geistes auf die Wahrnehmungsverarbeitung ist nach seinem Verständnis auch die Pareidolie.[15]

Natur, Bewusstsein und Freiheit

Nach Mausfeld genügt die Kenntnis neuronaler Verschaltung und Aktivität nicht, um Bewusstsein und Denkvorgänge zu erklären. Schon das Verhalten vergleichsweise unterkomplexer Lebewesen wie Nematoden könne nicht aus der Neuronenaktivität erklärt werden. Die Beziehung zwischen Natur und Geist muss nach Mausfelds Auffassung daher unterhalb der neuronalen Ebene im Physikalischen liegen. Dieser Zusammenhang zeige sich auch darin, dass uns die Natur rätselhafter sei als unser Bewusstsein. Das Besondere des Bewusstseins sieht Mausfeld in der Einfachheit und Ganzheit des subjektiven Erlebens, das sich dem Psychologen jedoch als komplexes Zusammenwirken teilweise unbewusster Faktoren enthüllt. Erst die dadurch ermöglichte „intrinsische Multiperspektivität“ des Denkens eröffne dem Menschen nach Mausfeld die Möglichkeit zu Denk- und Handlungsalternativen. Dies bedeutet, dass der Mensch dieselbe Wahrnehmung unterschiedlich organisieren kann, was etwa bei sogenannten Kipp-Bildern, aber auch in der gesamten Metaphorik der menschlichen Sprache deutlich wird. Diese Leistung der Organisation der Wahrnehmung erklärt Mausfeld durch eine komplexe Funktionsarchitektur, bei der biologische Vorprägungen, Verknüpfungs-Mechanismen zwischen Sinnesreiz und Wahrnehmung und semantische Muster zusammenwirken.[16]

Weiße Folter und Verantwortung der Wissenschaft

Mausfeld stellt in seiner Arbeit dar, welchen Anteil Psychologen an der Entwicklung, Anwendung und Rechtfertigung moderner Methoden der Weißen Folter haben. Diese ziele nicht, wie behauptet, auf Informationsgewinnung, sondern auf die Brechung des Willens, Disziplinierung, Demütigung und Erniedrigung ihrer Opfer. Seiner Darstellung nach nahm das Präsidium der American Psychological Association (APA) und das Verteidigungsministerium der Vereinigten Staaten Einfluss auf eine Arbeitsgruppe der APA, um in eine Untersuchung der Mitwirkung von Psychologen bei Foltermaßnahmen einzugreifen. Mausfeld definiert am Beispiel der Folterforschung ethische und juristische Prinzipien und Grenzen wissenschaftlicher Arbeit. Die Beachtung der Menschenrechte hält er ethisch und juristisch für uneingeschränkt verbindlich.[13][17][18]

Populärwissenschaftliche Beiträge

Warum schweigen die Lämmer? (2015)

In seiner Publikation von 2015 (3. Auflage 2018) mit dem Untertitel Wie Elitendemokratie und Neoliberalismus unsere Gesellschaft und unsere Lebensgrundlagen zerstören vertritt Mausfeld die These, die Begriffe Demokratie und Freiheit seien in einer an George Orwell erinnernden Weise verfälscht worden. In ihrer gegenwärtigen Form sei die Schumpeter’sche repräsentative Demokratie lediglich eine „Wahloligarchie“ und Freiheit sei lediglich Handlungsmöglichkeit der ökonomisch Mächtigen.[19] Bei seiner kritischen Analyse des politischen Systems stützt er sich unter anderem auf die Arbeiten von Ingeborg Maus und Alex Carey. Die Machtsicherung der neuen Machtelite, die hauptsächlich Finanzelite sei, vollziehe sich in neuen Formen der Transformation der Macht und der Manipulation des Bewusstseins, um Macht „unsichtbar zu machen“.[20] Eine entscheidende Rolle spielen dabei seiner Auffassung nach die Medien.[21] Er vertritt die These, dass den Medien in kapitalistisch organisierten Gesellschaften vor allem eine systemstabilisierende Funktion zukäme. Hierbei stützt er sich auch auf das von Noam Chomsky und Edward S. Herman entworfene Propagandamodell. Dieses Modell erklärt, wie eine objektive Berichterstattung der Massenmedien in kapitalistisch organisierten Gesellschaften durch bestimmte Filter verhindert wird. Diese Filterung führe zu einer Einschränkung des öffentlichen Debattenraums, also des in einer Gesellschaft Denk- und Sagbaren.[22]

Der Neoliberalismus sei eine rational auftretende Ideologie, der es gelungen sei, sich als Rahmenerzählung zu etablieren und sich als scheinbar alternativlose Wirklichkeitsdeutung durchzusetzen.[23]

Als drei besonders wichtige Techniken der Propaganda (hinsichtlich des Meinungsmanagements) stellt Mausfeld die Informationsüberflutung, die Fragmentierung und die Dekontextualisierung/Rekontextualisierung von Nachrichten dar, weil durch alle drei Techniken tatsächliche Ereignisse und Zusammenhänge unsichtbar gemacht würden.[24]

Phänomene eines „Tiefen Staates“ als Erscheinungsformen des autoritären Kapitalismus (2017)

Der Aufsatz Mausfelds im Sammelband „Fassadendemokratie und Tiefer Staat. Auf dem Weg in ein autoritäres Zeitalter“,[25] herausgegeben von Ulrich Mies und Jens Wernicke, vertritt die These, die repräsentative Demokratie diene seit altersher dem ausdrücklichen Zweck, „dem Volk die Befähigung zu einer Selbstgesetzgebung ebenso abzusprechen wie überhaupt das Recht, ein eigenständiger politischer Akteur zu sein.“ Die eigentlichen Zentren der Macht, wie etwa die großen Medienkonzerne, seien für die Bevölkerung weitgehend unsichtbar und demokratisch nicht abwählbar, sie unterlägen keiner öffentlichen Rechenschaftspflicht und seien in extremer Weise autoritär organisiert.

Die Frage, wie Herrschaft organisiert ist, lässt sich nach Mausfeld empirisch beantworten: Die tatsächlichen Zentren politischer Macht lägen nach bekannten Untersuchungen[26][27] weit außerhalb jeder demokratischen Kontrolle und würden zugleich praktisch alle grundlegenden politischen Entscheidungen bestimmen. Mit dem Beurteilungskriterium der Bundeszentrale für politische Bildung für die Frage, ob eine Herrschaftsform als Demokratie zu bezeichnen sei, sieht Mausfeld in den vorliegenden empirischen Analysen den Beweis dafür, „dass westlich-kapitalistische Demokratien tatsächlich eine neuartige Form totalitärer Herrschaft darstellen“.

Die Konzeption eines „tiefen Staates“ wie von Mike Lofgren dargestellt, lehnt Mausfeld jedoch als zu einfach ab, da dieser Begriff „konkretistische Ursachenzuschreibungen in personalen Kategorien“ enthalte, die zu einer Mystifizierung der eigentlichen und subtileren Mechanismen der sozialen Kontrolle führten.

Angst und Macht (2019)

In seinem 2019 erschienen Buch Angst und Macht – Herrschaftstechniken der Angsterzeugung in kapitalistischen Demokratien vertritt Mausfeld die These, der Zwang zur Lohnarbeit stelle in kapitalistischen Demokratien den Hauptfaktor der Erzeugung gesellschaftlicher Angst dar, die sich für Machtzwecke manipulativ ausbeuten lasse.[28] Die drei traditionellen Hauptmethoden der Angsterzeugung sieht er mit Ingeborg Maus und Günter Frankenberg in der Entformalisierung und Refeudalisierung des Rechts durch systematische Verwendung von „Gesetzesatrappen“ (unbestimmten Rechtsbegriffen), außerdem in der „Ideologie der Meritokratie“ sowie in der Psychotechnik der „propagandistischen Erzeugung von vorgeblichen Bedrohungen“.[29] Zu den modernen neoliberalen Methoden zählt Mausfeld die Ökonomisierung aller Lebensbereiche, die Ideologie der gesellschaftlichen Undurchschaubarkeit und Unbeeinflussbarkeit, die Prekarisierung, die Ideologie des unternehmerisches Selbst und die neoliberale „Traumatisierungsspirale“: Den Globalisierungsopfern werde suggeriert, sie hätten ihr Schicksal selbst verschuldet, ihre Scham dafür hindere sie daran, aufzubegehren. Sie würden sich mit dem Agressor identifizieren und meinen, ihnen sei recht geschehen.[30]

Im Handelsblatt vergleicht Norbert Häring Mausfelds Publikation mit vier weiteren Büchern, die nach seiner Auffassung die aktuelle Wendung zur erneuten kritischen Infragestellung oder Rechtfertigung des kapitalistischen „Systems“ belegen. Mausfeld, dessen Darstellung radikaler und grundsätzlicher sei als die Arbeiten PlumpesAndersonsRajans und Colliers, thematisiere hauptsächlich die Mechanismen, mit denen die vom Kapitalismus erzeugte Angst als Herrschaftsinstrument der Eliten verstärkt und missbraucht werde. Ohne die Erzeugung von Existenzangst sei der Kapitalismus nicht funktionsfähig.[31]

Rezeption

Wissenschaft

Mausfelds Beiträge zu medien- und kapitalismuskritischen Themen weisen nach Ansicht des Amerikanisten und Verschwörungstheorie-Forschers Michael Butter „stark populistische und mitunter auch verschwörungstheoretische Züge“ auf. Von seinem Fachgebiet her fehle Mausfeld die Kompetenz, sich über politische Themen zu äußern, er werde aber wegen seines Professorentitels als Autorität dazu wahrgenommen.[32]Presse

In seiner Rezension in Deutschlandfunk Kultur bezeichnet Bodo Morshäuser Mausfelds Publikation Warum schweigen die Lämmer? als „klagende Behauptung“. Das Buch, das Mausfeld als „ausführliche Warnung“ verstanden wissen wolle, stelle dar, wie „eine privat finanzierte sogenannte Indoktrinationsindustrie“ einen psychologischen Krieg gegen die Bevölkerung führe. Medien, StiftungenThinktanks und Lobbygruppen manipulierten mithilfe von Techniken der Soft power den menschlichen Geist an seiner schwächsten Stelle: dem Unterbewusstsein. Ziel der neoliberalen Postdemokratie sei, die uneingeschränkte Herrschaft der Reichen über die atomisierten, fragmentierten und überwachten Armen zu sichern und zu verrechtlichen. Den Armen solle beim Umverteilungsprozess von unten nach oben das Bewusstsein vermittelt werden, dass es bei dieser Politik nur um ihr Wohl gehe. Dieser Beeinflussung dienten unter anderem Sprachregelungen, die das Meinungsspektrum und den „Debattenraum“ begrenzten. Abschließend bemängelt Morshäuser, Mausfeld habe sich nicht die Arbeit gemacht, Alternativen zur repräsentativen Demokratie auszuarbeiten oder funktionierende frühere Versuche demokratischer Verfahren anzuführen: „Er hat ein Empörungsbuch geschrieben“.[33]

Nach Erdem Gökalp (Stuttgarter Nachrichten) erreichte Mausfeld in den zurückliegenden Jahren mit seinen politischen Vorträgen auf Youtube ein Millionenpublikum. Sein Buch Warum schweigen die Lämmer? lese sich „wie die dystopische Welt aus einem George Orwell-Roman“. Gökalp bedauert, dass im Vergleich zu den Vorträgen das Buch „allzu trocken“ sei. Oft gingen „seine Thesen in einer Welle von Zitaten und Verweisen unter“.[34]

Milosz Matuschek nennt Mausfeld in seiner regelmäßigen Kolumne in der Neuen Zürcher Zeitung einen „Volksaufklärer“ und stellt ihn in die Denktradition Wilhelm von HumboldtsJohn Deweys und Noam Chomskys. Mausfeld arbeite detailliert heraus, wie sich das bildliche Verhältnis von „Hirt“ und „Lämmerherde“ konkret im Alltäglichen artikuliere. Dieses feststehende Bild bilde einen roten Faden in den staatstheoretischen Ausführungen von Platon[35] über David HumeJames MadisonFriedrich II., Alexis de TocquevilleBertrand Russell bis Harold Dwight Lasswell. Matuschek warnt davor, dass der Demokratie die Demokraten davonliefen. Das System müsse Matuscheks Meinung nach umfassend renoviert werden. Mausfeld mache dabei deutlich, dass zur Rettung der Demokratie jeder bei sich selbst ansetzen müsse.[36]

Tanjev Schultz setzt in der Süddeutschen Zeitung Mausfelds Publikation Warum schweigen die Lämmer? mit der Radikalkritik in Hans-Peter Martins „Game Over“ gleich und möchte an Mausfeld aufzeigen, wie groß dabei die Gefahr sei, „… in krude Bescheidwisserei (abzudriften)“. Mausfeld ignoriere Recherchen und Debatten in der von ihm als „neoliberal dominiert“ kritisierten Presse, etwa zur Steuerflucht oder zu den Panama-Papers. Er vertrete schematische Wahrheiten und sein Buch sei wenig originell: „Es baut auf einer radikalen Demokratietheorie auf, mischt sie mit den Denkfiguren des alten Adorno und des im Laufe der Jahre immer zorniger und paranoider werdenden Noam Chomsky – und fertig ist ein Buch für den linken Wutbürger“. Kritisch merkt er an, dass man nur ein paar Vokabeln von links nach rechts drehen müsse, damit auch Trump oder die „Lügenpresse“-Krakeeler der Analyse gut folgen könnten. Mausfelds Elitenbild entspreche nicht der Wirklichkeit, denn wer sich bei den „Eliten“ umhöre, werde auf sehr viele treffen, „die ein hohes Lied auf zivilgesellschaftliches Engagement singen“. Dass er zustimmend Jean Ziegler zitiere, die Wirtschaftsordnung des Neoliberalismus bringe in einem Jahr etwa so viele Menschen um wie das NS-Regime in sechs Jahren, und sie als „größten Feind der Demokratie“ abstempele, bewertet der Rezensent angesichts echter Diktaturen als „halbseiden“ und „infam“.[37][38]

Daniela Dahn kommt im Neuen Deutschland zu der Einschätzung, Mausfeld habe in Warum schweigen die Lämmer? mit seltenem Scharfsinn untersucht, was mit uns geschehen sein muss, „dass wir ohnmächtig mit ansehen, wie Elitenherrschaft und Neoliberalismus die Gesellschaft und unsere Lebensgrundlagen zerstören.“ Mausfeld stütze sich bei seiner Kritik auf demokratiekritische Denker wie Noam Chomsky and Sheldon Wolin, allerdings habe schon Karl Marx in „Die deutsche Ideologie“ darauf hingewiesen, dass die Gedanken der Herrschenden aufgrund deren materieller Macht immer die herrschenden Gedanken sind. Ohne Indoktrination würde die Gesellschaft nicht funktionieren, sie sei angewiesen auf die Illusion der politischen Selbstbestimmung der Bürger. Kritisch hält Dahn jedoch etwas mehr Nachsicht für denkbar, denn schließlich sei die Existenz von Mausfelds Buch Beweis dafür, dass die Verhältnisse noch nicht totalitär seien. Staatliche Praxis sei noch steigerbar. Auch Mausfeld selbst sehe eine Hoffnung auf Veränderung durch Überwindung der politischen Apathie.[39]

Gertrud Hardtmann kommt nach einer ausführlichen Inhaltsangabe im Diskussionsteil ihrer Rezension zu dem Ergebnis, dem aufrüttelnden Buch fehle ein „konstruktives Gegenüber …, der sowohl das Anliegen und die Argumente von Mausfeld ernst nimmt, als auch kritisch differenzierend überprüft.“ Es werde herausgearbeitet, dass die Verschleierung von kriminellen Strukturen wirksam sei und international Strukturen entwickelt werden müssten, diese jenseits von nationalen Grenzen wirksam zu bekämpfen, damit die Welt für alle Menschen ein bewohnbarer und geschützter Ort werde und bleibe.[40]Film und Fernsehen

Mausfeld wurde 2015 bei Phoenix von Michael Krons in der Sendung Im Dialog zum Gespräch eingeladen. Thema war, wie schnell Menschen bereit seien, im Kampf gegen den Terror ihre Menschlichkeit aufzugeben.[41]

2018 strahlte der SWR in der Reihe Teleakademie eine Sendung mit einem Vortrag Mausfelds aus: Elitendemokratie und Meinungsmanagement. Hat sich die Vorstellung vom „mündigen Bürger“ überlebt? Im Vortrag wird diese Frage anhand der LippmannDewey-Kontroverse erörtert.[42][43]

Mausfeld lebt in Dänisch-Nienhof und ist mit der Diplom-Psychologin und Psychoanalytikerin Gisela Bergmann-Mausfeld verheiratet.[1][44]

Schriften (Auswahl)

  • Angst und Macht – Herrschaftstechniken der Angsterzeugung in kapitalistischen Demokratien. Westend, Frankfurt am Main 2019, ISBN 978-3-86489-281-3.
  • Warum schweigen die Lämmer? Wie Elitendemokratie und Neoliberalismus unsere Gesellschaft und unsere Lebensgrundlagen zerstören. (2015) 3. Auflage, Westend, Frankfurt am Main 2018, ISBN 3-86489-225-2 (Volltext (Memento vom 18. November 2017 im Internet Archive))
  • Massenmediale Ideologieproduktion. In: Jens Wernicke: Lügen die Medien? Propaganda, Rudeljournalismus und der Kampf um die öffentliche Meinung. Westend, Frankfurt am Main 2017, S. 134–153.
  • Foltern ohne Spuren. Psychologie im Dienste des »Kampfes gegen den Terrorismus«. In: Wissenschaft und Frieden Heft 1 (Thema Intellektuelle und Krieg), 2010, S. 16–19 (Volltext).
  • Weiße Folter. Psychologie im Krieg gegen den Terror. In: Blätter für deutsche und internationale Politik. Band 54, 2009, S. 90–100.
  • Psychologie, Weiße Folter und die Verantwortlichkeit von Wissenschaftlern. In: Psychologische Rundschau. Jahrgang 60 / 2009, S. 229–240 (uni-kiel.de PDF).
  • Wahrnehmungspsychologie: Geschichte und Ansätze. In: Joachim FunkePeter A. Frensch (Hrsg.): Handbuch der Allgemeinen Psychologie – Kognition. Hogrefe, Göttingen 2006, ISBN 3-8017-1846-8 (uni-kiel.de PDF; 43 kB).
  • Über die Bedingungen der Möglichkeit von Lernen. In: Marie L. Käsermann, Andreas Altorfer (Hrsg.): Über Lernen. Ein Gedankenaustausch. EditionSolo, Bern 2005, ISBN 3-9522759-5-6, S. 218–236.
  • mit Onur GüntürkünWissenschaft im Zwiespalt. In: Gehirn&Geist. Heft 7–8, 2005.
  • mit Dieter Heyer (Hrsg.): Colour perception. Mind and the physical world. Oxford University Press, Oxford 2004, ISBN 0-19-850500-0.
  • mit Dieter Heyer (Hrsg.): Perception and the physical world: Psychological and philosophical issues in perception. Wiley, 2002, ISBN 0-471-49149-7.
  • mit Edgar Erdfelder, Thorsten Meiser, Georg Rudinger (Hrsg.): Handbuch Quantitative Methoden. Beltz, Weinheim 1996, ISBN 3-621-27280-1 (Online-Ausgabe von 2019 mit den meisten Volltexten auf den Seiten der Universitätsbibliothek Mannheim).
  • mit Jum C. Nunnally, Ira H. Bernstein: Psychometric Theory. 3. Auflage, McGraw-Hill, New York 1994, ISBN 0-07-047849-X.
  • Grundzüge der Fechner-Skalierung. Prinzipien der Konstruktion psychophysikalischer Diskriminationsskalen. Peter Lang, Bern 1985, ISBN 3-8204-5240-0.

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